„Es ist krepiert“ – Theaterrezension zur Aufführung von Kafkas „Die Verwandlung“ im Olydorf

Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt…“ Am Wochenende des 13. bis 15. Juli fand man die Tutoria nicht gewohnt mit ihren gemütlichen Couches, Autorückbänken mit Anschnallgurten und großen, hellen Fenstern vor. Stattdessen lag sie mysteriös im Dunkeln, verwandelt in ein schummriges, mit schweren Vorhängen verhangenes Kämmerlein. Auf einer zentral im Raum errichteten Bühne fand an drei Abenden die Aufführung von Kafkas Opus Die Verwandlung statt. Bereits vorab war klar: die dunkle, spartanische Kulisse war kein Zufall, denn schon in der ersten Szene erwacht der Protagonist nicht wie gewöhnlich als Vertreter, sondern nach einer nächtlichen Metamorphose in ein Insekt verwandelt. Repräsentiert wurde dies durch eine Kiste, in der sich der grausam Entstellte befand.

„Es ist krepiert“ - Theaterrezension zur Aufführung von Kafkas "Die Verwandlung" im Olydorf

Der Prokurist droht dem Verwandelten mit Kündingung

Gregor beginnt in Folge seiner eingeschränkten Bewegungsmöglichkeit eine Reflexion seines bisherigen Lebens, welches ihm nach einigem Räsonieren und der Reaktion von Familie und Bediensteten bedeutungslos und unzulänglich vorkommt. Bisher ein vorbildliches Mitglied der Gesellschaft als Ernährer der Familie und treusorgender Bruder und Sohn, bricht dieses Bild nach der Verwandlung abrupt zusammen. Die Familie, die bisher alle Hoffnungen und Erwartungen auf Gregor projizierte, wendet sich ab und versucht bald, zunächst durch Verdrängung des Geschehenen und schließlich durch Vorhaben zum Mord, sich Gregors zu entledigen. Der Zusammenbruch der heilen bürgerlichen Welt findet nach verzweifelten Kämpfen und der sich immer mehr steigernden Ablehnung seines Umfelds letztlich den Höhepunkt im Tod des Protagonisten. Die Familie entsorgt lieblos alle Spuren von Gregors Existenz und wendet sich – als wäre nichts vorgefallen – der Verheiratung Gretes und den Hoffnungen auf eine bessere Zukunft zu.

Besonders die werksnahe Verkörperung der einzelnen Figuren verdient großes Lob, so wurde das Keuchen der Mutter schnell als Symptom ihres Asthmas erkennbar. Auch die Entwicklung von Grete, Gregor Samsas Schwester, vom verwöhnten Mädchen zur taktierenden jungen Frau spiegelte sich nicht nur in ihrem Verhalten gegenüber dem ehemals geliebten Bruder, sondern auch in den wechselnden Kostümen wider. So wich das blaue Kleid der ersten Hälfte des Abends einem roten Kleid nach der Pause. Besonders hervorzuheben sind die Figur des Prokuristen, der in Nadelstreifenanzug, markanter Brille und strenger Sprechweise seine Rolle hervorragend beherrschte, oder auch die Putzfrau, die mit emotionsloser Stimme schließlich feststellte „Es ist krepiert“.

„Es ist krepiert“ - Theaterrezension zur Aufführung von Kafkas "Die Verwandlung" im Olydorf

Auch Grete wendet sich bald vom Bruder ab

Das ganze Stück hindurch blieb das Bühnenbild schlicht, die Personen waren raumgreifend um das Insekt geschart. Kleine Requisiten waren die einzigen Elemente, die zum Einsatz kamen. Durch diese Schlichtheit und eine erstaunliche Textnähe kam Kafkas nüchterne und dennoch absurde Beschreibung des Albtraum-Szenarios noch mehr zur Geltung. So saßen hinter der Bühne versteckt mehrere Vorleser*innen, die mittels distanzierter und zuweilen leicht ironischer Kommentare das Geschehen moderierten. Die Nähe zum Werk sowie die Details an Kostümen und Raumpositionen halfen zwar, das Geschehen auf der Bühne besser nachvollziehen zu können, jedoch war das Bühnenbild leider bereits ab der dritten Reihe nicht mehr gut zu erkennen. Da sich die Handlung um den verwandelten Gregor Samsa vorrangig am Boden abspielte, war ein Großteil derselben, insbesondere die beschwerlichen Kämpfe des Protagonisten für viele Zuschauer mehr eine akustische Darbietung.

Nichtsdestotrotz wurde die Mühe des Theaterausschusses durch den verdienten Schlussapplaus belohnt. In diesem Sinne sind wir gespannt, welches Stück der Theaterausschuss sich für das kommende Semester aussuchen wird und freuen uns auf die nächste Aufführung!

„Es ist krepiert“ - Theaterrezension zur Aufführung von Kafkas "Die Verwandlung" im Olydorf

Die Familie beschließt letztlich, sich Gregors zu entledigen

Lubika Brechtel

Lubika Brechtel

Lubika, studiert Philosophie, nimmt aber auch privat gerne Menschen und Themen unter die Lupe.

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