Wir Landeier

Viele von uns sind „Landeier“. Landeier, die in die große Stadt gezogen sind. Landei, „umgangssprachlich abwertend, umgangssprachlich scherzhaft“ für eine „aus ländlicher, dörflicher Umgebung stammende, in Aufmachung und Auftreten ungeschickt, unbeholfen wirkende Person“.

Trotzdem bezeichne ich mich gerne selbst als Landei. Als Mädel vom Dorf, das nach der Schule ihr Nest verlassen hat. Man sollte sich selbst nicht so ernst nehmen. Vielleicht mögen Landeier anfangs mit öffentlichen Verkehrsmittlen, wie der U-Bahn oder Tram, oder all den Menschenmassen noch etwas überfordert sein, doch als ungeschickt sollten wir uns bestimmt nicht abstempeln lassen.

Was passiert, wenn ein Landei nach München zieht? Wieso werden wir als unbeholfen und ungeschickt vermerkt?

Ich versuche, dies aufzuklären. Denn dieser Prozess ist tiefergehender, als man denkt. Man bekommt eine zweite Identität, ein zweites Gesicht. Man baut sich eine zweite Welt auf, wie ein Neuanfang, eine zweite Chance, um diejenige Person sein zu können, die man vielleicht schon immer lieber gewesen wäre. Man errichtet sich eine Parallelwelt. Parallelwelt. Gefährliches Wort. Wie kommuniziert man zwischen zwei Welten? Sollten sie überhaupt verknüpft werden? Wie viel Zeit verbringt man jeweils dort? Wie oft soll man zwischen ihnen hin- und herspringen? Wo ist der Lebensmittelpunkt?

Fragen wie diese können einen durchaus beschäftigen. Inwieweit möchte man seine alte Welt aufgeben oder vernachlässigen, um der neuen mehr Raum zu geben? Darf die neue Welt auch Veränderungen an der alten Welt vornehmen? Wie viel der alten Welt nimmt man mit, in die neue? Hat man die richtige Parallelwelt gewählt? Fühlt man sich nicht doch in der alten Heimat, in der man wohlbehütet war, wohler? Oder konnte man vielleicht endlich den heimischen Problemen entfliehen und sein wahres Ich entfalten?

Es gibt so viele Möglichkeiten, seine neue Zwei-Welten-Kombination zu gestalten. Wie oft fährt man nach Hause in die Heimat, wie intensiv können und sollen alte Freundschaften aufrecht erhalten werden. All diese neu gewonnen Freiheiten, sowie die Anonymität, die man erlangt, bringen auch mit sich, ständig Entscheidungen treffen zu müssen und die Qual der Wahl zu haben. Die größte Herausforderung bleibt jedoch sicher die Identitätsfindung. Wer ist man in der großen Stadt? Wer möchte man sein?

Die guten alten Dorffeste werden eingetauscht in teure Clubbesuche, der Weizenstand beim Feuerwehrfest wird zur Cocktailbar. Das Outfit ändert sich. Bayrisch? Wos host gsagt? Hochdeutsch redt ma hier! Schön den Dialekt vertuschen, nein, nein, natürlich, ich spreche hochdeutsch! Ob ich aus Bayern bin? Das hört man? Ja, doch, schon, eigentlich spreche ich Dialekt. Oder soll man sie doch nicht verstecken, die gute, alte, traditionsreiche Mundart? Verdammt, wer oder wie möchte man sein? Jetzt ist die Chance, alles zu ändern, was einen an der alten Welt je gestört hat, alles hinter sich zu lassen, was einen verfolgte. Befreien kann man sich, sich Zeit für sich selbst nehmen, neue Hobbies beginnen, neue Freundschaften knüpfen, sich neu finden, neue Seiten an sich kennenlernen. Sogesehen ist das eine riesen Chance. Früher die schüchterne graue Maus, heute die Partyqueen. Selbstbewusstsein sammeln. Die Diversität der Stadt genießen. Mit wem oder wie man seine Zeit verbringt, interessiert niemanden mehr, man kann eintauchen in ein Meer an Anonymität, die einem gleichzeitig umso mehr dazu verhelfen kann, zu werden, wer man wirklich ist. Keiner zerreißt sich den Mund, die Privatsphäre wird endlich gewahrt. Ein Date? Na klar! Wen störts. Knutschen während einer Party? Why not. Diesmal wird Opa es schließlich nicht beim nächsten Stammtisch erfahren.

Möglicherweise wirken Landeier deshalb ungeschickt, weil sie noch nicht wissen, wer oder was sie hier sind, wo sie hin wollen oder ob sie hier richtig sind. Ihr Leben ist noch nicht gesettelt, es gibt noch zu viele offene Fragen. Zu viel Unsicherheit. Doch sobald sie wissen, wie sie ihre zwei Welten gestalten, verknüpfen und bedienen wollen, werden sie aufblühen.

Ganz im Gegenteil – die Möglichkeit, so viele Entscheidungen neu treffen zu können, sollte als Privileg und Lebensqualität in Dankbarkeit anerkannt werden. Und hey, wer ist schon am Anfang großer Neuerungen nicht auch ein bisschen verwirrt und nervös? Soll es auch unbeholfen wirken. Stolz darauf sollte man allemal immer sein, zu den Landeiern zu gehören! 🙂

Theresa März

Theresa März

Social-Media-Pflegerin

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