Dr. Tatjana Eckerlein im Dorfgespräch

Das Leben der Studenten hier im Olympischen Dorf konzentriert sich hauptsächlich auf das Studentendorf und die Einrichtungen der Alten Mensa wie der Bierstube oder der Olydisco. Auch die Ladenpassage mit Supermarkt, Imbissen, Bars und Apotheken ist jedem Bewohner des Dorfes ein Begriff.
Mit Nadi- und Straßbergerstraße beginnt der flächenmäßig größere Abschnitt des Olympischen Dorfes jedoch erst hinter der Ladenpassage – viele Studierende bekommt man in diesen Teilen des Olympischen Dorfes allerdings nicht mehr zu Gesicht. Dafür aber umso mehr Familien und spielende Kinder, denen sich in den schlängelnden Gassen ein Spieleparadies bietet.
Auch unsere Interviewpartnerin Dr. Tatjana Eckerlein wohnt in einer dieser Gassen. Beruflich ist sie an der LMU am Lehrstuhl für Lernbehindertenpädagogik als Dozentin tätig, privat hat sie ein absolutes Faible für die Olympischen Spiele 1972.

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Seit wann bist du im Olydorf und was hat dich bewegt, hier wohnhaft zu werden?
Das Olympiadorf kenne ich, seit ich im Jahr 1990 in München angefangen habe Lehramt zu studieren. Ich bin damals von der U-Bahnstation Olympiazentrum – welche übrigens zu jener Zeit Endstation der U3 war – oft zur ZHS gelaufen, um Sport zu treiben. Und natürlich war da die Olydisco, damals der Treffpunkt für Studenten aus ganz München, und zwar Wochenende für Wochenende. Außerdem haben damals auch schon Kommilitonen von mir in den alten Studenten-Bungalows gewohnt. Die Grillpartys in den Gassen und dahinter waren auch schon in den 90ern legendär!
Ich war dann überglücklich, als ich in meinem Referendariat in München bleiben konnte und als Sonderpädagogin an der Förderschule in der Nadistraße eingesetzt wurde. Es war toll, mit den Kindern auf den Wiesen im Olympiapark zu spielen, Schlitten zu fahren, im Olympiabad schwimmen zu gehen – ohne dabei Verkehr und Straßen direkt vor der Nase zu haben. Auch während meines Referendariats wohnten bereits Freundinnen und Kolleginnen im Olympischen Dorf. Damals war ich aber noch jung und wollte im bunten Schwabing leben.
Irgendwann allerdings wurde mir Schwabing zu laut und zu eng. Die Zeit wurde reif, mich räumlich zu verändern. Per Zufall las ich auf dem schwarzen Brett im Olympischen Dorf eine Anzeige, dass ein Reihenhaus zu kaufen sei. Es gab natürlich viele Interessenten – ich habe aber als erstes zugesagt und bekam dieses dann nach kurzer Suche. Ins Olydorf gezogen bin ich letztlich vor acht Jahren. Seither wohne ich im Oberdorf am Ende der Straßbergerstraße.

Ist es einfach im Olydorf eine Wohnung zu finden?
Na ja … gute Kontakte helfen in jedem Fall. Ich habe mal gelesen, dass 90 % der Umzüge im Dorf selbst stattfinden. Da die meisten Bauten im Hochbereich terrassenförmig angeordnet sind, ist der Wohnraum der oberen Wohnungen kleiner als der, der unteren Etagen. Die Penthäuser, die oben aufgesetzt sind, natürlich ausgenommen. Die oberen Balkone ermöglichen jedoch einen viel schöneren Ausblick. Je nachdem was man bevorzugt oder braucht, muss man sich letztlich hoch- oder runterarbeiten. Die Reihenhäuser und Bungalows im Flachbereich sind natürlich auch recht groß – bis zu 220 qm plus Garten!
Ins Oberdorf ziehen auch immer wieder ehemalige Studenten aus dem Unterdorf, welche nach dem absolvierten Studium das Flair und die Lebensqualität des Olympischen Dorfes nicht missen möchten.

Was gefällt dir am Olympischen Dorf und was macht es für dich so einzigartig?
Das Olympische Dorf besitzt für mich den Charakter einer Ferienanlage im Zentrum einer Großstadt: Außerhalb hast du Lärm und viel Stress, kaum biegst du um die Ecke ins Dorf ein und es empfangen dich auf grünen Wegen spielende Kinder und tolle Nachbarn.  Bei uns steht zum Beispiel oft die Haustüre offen, Kleinkinder fahren mit den Bobby Cars umher oder wir stellen mittags, wie auch die Studenten, Biertische auf die Wege und ratschen mit den Nachbarn über Gott und die Welt. Für mich ist das Oberdorf im Flachbereich eine Art „Bungalowdorf für Große“.
Das Highlight schlechthin ist sicherlich die Verkehrsfreiheit – ohne Verkehrslärm mitten in der Stadt zu wohnen ist für mich ein Wahnsinnsgut. Ich selbst habe kein Auto und fahre in München fast alles mit dem Radl.
Man muss sich dabei immer bewusst sein, dass die Planungen für das Olympische Dorf aus den 60er-Jahren stammen und somit schon vor über 50 Jahren angefertigt wurden. Das erarbeitete Konzept der Architekten war für diese Zeit extrem futuristisch und fortschrittlich. Ich zumindest kenne keine andere Anlage einer Großstadt, in welcher man ein solch nachhaltiges Konzept schon so früh geplant und umgesetzt hat.
Darüber hinaus ist die zentrale Lage mit einer guten öffentlichen Verkehrsanbindung natürlich ein enormer Pluspunkt des Dorfes.

Foto: Christian Vogel, aus "Habitat - das Olympische Dorf in München"

Foto: Christian Vogel, aus „Habitat – das Olympische Dorf in München“

Was fasziniert dich so an Olympia 72, dass du eine ganze Kommode voller Andenken an die Olympischen Spiele 1972 besitzt?
Nicht nur bei mir im Haus, sondern auch im Dorf gibt es noch viele Relikte, welche an die Olympischen Spiele 1972 erinnern, wie zum Beispiel die Farbgebung in den Straßen. Das Thema Corporate Identity wurde schon damals von Otl Aicher – dem Verantwortlichen für das visuelle Erscheinungsbild von Olympia 1972  – beachtet und zwar in einer Reinform wie es sich jede Firma heute wünscht.
Auch im neuen Bungalowdorf wurde die Farbgebung wieder toll umgesetzt. Ich weiß nicht, ob die Studenten im Dorf hierfür ein Bewusstsein haben, aber die Farbgebung in den Bungalows entspricht genau den Farben von Olympia 1972. In den Bungalows kommen die Farben Blau, Grün, Orange und Gelb vor. Die Farbgebung der Olympischen Spiele 1972 war laut Otl Aicher lokal orientiert. Blau-Weiß symbolisiert den bayerischen Himmel bzw. spiegelt allgemein die Farben Bayerns wieder, Grün steht für die bayerischen Wiesen, Orange und Gelb für die bayerische Sonne und Grau bzw. Silber für das Spiegeln der bayerischen Seen. Rot, Braun und Schwarz wurden strikt abgelehnt und vermieden, weil diese Farben dem Nationalsozialismus und den Olympischen Spielen 1936 in Berlin gebührten. Otl Aicher war es ein großes Anliegen, der Welt nur gute 20 Jahre nach Kriegsende ein anderes Deutschland zu präsentieren. „Bunt und heiter“ sollten die Spiele in München sein.
Otl Aicher war übrigens mit Inge Scholl verheiratet, einer Schwester von Sophie und Hans Scholl. Er war mit den Geschwistern Scholl schon von klein auf befreundet und verbunden. Und als er im 2. Weltkrieg von der Front desertierte, fand er bei der Familie Scholl in der Nähe von Ulm Unterschlupf.

Was hältst du von der geplanten Gedenkstätte für die Opfer des Terroranschlags am 5. September 1972 im Olympiadorf?
Meine persönliche Meinung ist, dass die Informationstafeln am U-Bahnausgang und die beiden bereits vorhandenen Gedenkorte im Dorf gereicht hätten: die Gedenktafel direkt an der Connollystraße 31 und der 20 Jahre nach dem Attentat errichtete Klagebalken. Damals war man der Meinung, dass die Gedenktafel an der Connollystraße nicht würdig genug sei und man ein größeres Mahnmal brauche. So wurde der Klagebalken auf der Hanns-Braun-Brücke (Radlbrücke zwischen Olympiastadion und ZHS) gebaut. In dem Granitmonolith von 10 m Breite des berühmten Bildhauers Fritz Koenig sind die Namen der Opfer eingraviert.
Die Frage ist natürlich, ob diese Denkmäler die gewünschte Beachtung finden. Wenn man an diesen vorbeikommt, nimmt man sie vielleicht zu wenig wahr. Wahrscheinlich wissen viele Studenten nicht einmal, dass es schon zwei Denkmäler gibt. Eine Aufwertung dieser beiden Stätten wäre unter Umständen angebracht gewesen. Man hätte z. B. Informationstafeln ergänzen oder die Mahnmäler durch QR-Codes mit Hintergrundinfos bestücken können.
Wogegen ich mich jedoch total wehre ist die weitere Versiegelung von Grünflächen in München und insbesondere im Olympiapark! Immer und immer wieder wird versucht, neue Bauten in den Olympiapark zu stellen wie das Eislauftrainingszentrum, das Sea Life, der Biergarten mit Flachbau am Coubertinplatz, die kleine Olympiahalle und nun das neue Denkmal.
Was anstelle des ehemaligen Radsportstadions, das nun abgerissen wurde, gebaut wird, ist noch offen … Sollte mal jemand erwägen ein Hotel oder Ähnliches in den Englischen Garten oder Nymphenburger Park zu bauen. Das Problem am Olympiapark sind natürlich die hohen Unterhaltskosten. Als Beispiel: Das Dach des Olympiastadions wird jetzt für 80 Millionen Euro renoviert.
Mit einem Erinnerungsort auf dem ehemaligen Busbahnhof – im Rahmen eines Museums über die Spiele 1972 – hätte ich mich durchaus anfreunden können. Bis jetzt ist aber auch immer noch nicht geklärt, was da hinkommen wird. Die meisten Bewohner im Oberdorf wünschen sich ein Visitor Centre als Eingang in den Olympiapark. Aber auch ein Hotel oder ein weiteres Studentenwohnheim sind im Gespräch. Auch da würde weitere Grünfläche versiegelt.

Welches Thema bewegt dich aktuell im Olydorf?
Es gibt zwei Themen, die ich hier erwähnen möchte. Zum einen, dass es Bewohner im Dorf gibt, welche die Vorzüge des Dorfes nicht recht zu schätzen wissen und beispielsweise in den verkehrsfreien Zonen mit ihren Autos die Gehwege befahren um vor der Haustür den Einkauf auszuladen. Ich sehe das „Highlight des Dorfes“, die Verkehrsfreiheit, in Gefahr! Leider halten sich manche Einwohner oder auch Handwerker oftmals nicht an das Einfahrverbot.
Das zweite Thema ist die Ladenpassage. Diese empfinde ich als wenig ansprechend. Zwar wurden mehrere Versuche unternommen diese aufzuwerten, aber das Angebot der Läden ist  bis auf Ausnahmen nicht recht überzeugend. Ich würde mir wieder einen Drogeriemarkt wünschen. Aufgrund der kleinen Ladenflächen aus den 70er Jahren, wird sich aber heute leider keine Kette mehr  hier niederlassen.
Mir persönlich gefiele auch ein Vintage-Café oder -Restaurant mit der großen Terrasse am zentralen Punkt am Beginn der Connollystraße … mit gutem Essen, italienischem Kaffee, weißen Sonnensegeln, einem kleinen Souvenirshop mit Andenken und Postkarten der Olympischen Spiele 1972.

Wie empfindest du das Verhältnis von Studentendorf und Oberdorf?
Ich fühle mich auch aufgrund meines Jobs an der Uni, der Präsenz in eurer Facebookgruppe, als Dorfbladl-Leserin, Bierstuben-Besucherin und als regelmäßige ZHS-Sportlerin durchaus verbunden und gut informiert. Eine gewisse Trennung zwischen den Studenten und den Leuten aus dem Oberdorf wird es allerdings immer geben und das ist auch absolut in Ordnung. Studenten sind jung, frei und wollen und sollen feiern. Sie leben meist nur wenige Jahre hier. Die Bewohner des Oberdorfes sind in einer anderen Lebensphase und meist länger hier sesshaft. Dennoch finde ich es wichtig, dass man ein freundliches und friedliches nachbarschaftliches Verhältnis pflegt.

Inwiefern haben sich die Studenten von heute im Vergleich zu deiner Studienzeit verändert?
Das kann ich schlecht beurteilen. Insgesamt, aber das hat nicht direkt mit dem Olydorf zu tun, „leide“ ich mit den Studenten von heute, weil sie durch die Modularisierung und im Zuge des Bologna-Prozesses sicherlich ein im Vergleich zu früher stressigeres Studentenleben haben.

Was würdest du dir von den im Olydorf wohnenden Studenten wünschen?
Eine Herzensangelegenheit ist mir die Aufgeschlossenheit für das kulturelle Erbe, in welchem wir wohnen. Wir sind die Bewohner eines Denkmals und leben im Olympiapark. Da die Bungalows bei Studenten ja im Allgemeinen total beliebt sind, ist ihnen die Wohnqualität, so glaube ich zumindest, durchaus bewusst. Den wenigsten ist dabei jedoch die Historie aus den 70er-Jahren bekannt. Es ist eben nicht nur das „schreckliche Orange“ oder das „grelle Gelb“ in euren Bungalows … hinter den ausgewählten Farben steckt so viel mehr. Wie schon gesagt, diese Farbgebung ist eine bewusste Abgrenzung der Farben der Nationalsozialisten. Wünschen würde ich mir deswegen eine noch größere Aufgeschlossenheit bezüglich dieser Thematik, so dass man das Dorf und das Vermächtnis der Olympischen Spiele in München als Ganzes noch mehr wertschätzt.
Neulich wurde ich gefragt, weshalb diese „komischen bunten Rohre“ das Olympiadorf durchkreuzen. Sie erlauben noch heute eine Orientierung im Dorf: Jede Straße hat ihre Farbe. Während der Olympischen Spiele 1972 dienten die „Medialinien“ aber nicht nur der Orientierung, sondern auch zur durchgehenden Beleuchtung des Dorfes. Zudem waren Lautsprecher für Durchsagen angebracht. Aber auch eine Heizung sowie eine Sprinkleranlage waren integriert. Die Heizung in den Rohren sollte bei Bedarf während der Olympischen Spiele 1972 den Außenbereich beheizen, die Sprinkleranlage dagegen die Plätze bei zu heißem Wetter kühlen. Aufgrund des warmen Wetters während der Olympischen Spiele 1972 kam aber die „Heizung“ nicht zum Einsatz.

Foto: Christian Vogel, aus "Habitat - das Olympische Dorf in München"

Foto: Christian Vogel, aus „Habitat – das Olympische Dorf in München“

Aktuell planst du mit dem Dorfbladl einen Rundgang für interessierte Studenten im Olydorf, was dürfen wir von der Tour erwarten?
Ihr werdet das Dorf danach noch mehr lieben und mit anderen Augen sehen.  Zu viel möchte ich an dieser Stelle nicht verraten, ein bisschen Überraschung muss schon sein. Falls ihr aber Lust auf eine informative Tour habt, dann kommt doch einfach mit!

Der Rundgang findet am Mittwoch, dem 29.06.2016 ab 14:30 Uhr statt und wird etwa zwei bis drei Stunden dauern. Weitere Informationen bezüglich der Anmeldung für den Rundgang mit Tatjana Eckerlein gibt es in diesem Artikel

Außerdem veranstaltet die EIG auch dieses Jahr ein Hofflohmarkt.

Jochen

Jochen

Eisliebhaber

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